Raik Knorscheidt - Regisseur - Autor

"Сорочинская ярмарка"

"Der Jahrmarkt von Sorotschinzy"


Komische Oper in drei Akten von Modest Petrowitsch Mussorgski.



Die Premiere fand am 29. April 2007 an der Oper Bonn statt.


Musikalische Leitung - Roman Kofman
Inszenierung - Tony Palmer

Regiemitarbeit - Raik Knorscheidt

Bühne und Kostüme - Michael Scott
Choreinstudierung - Sibylle Wagner
Choreographie - Przemyslaw Kubicki
Dramaturgie - Martin Essinger


Besetzung:

Tscherewik, ein Bauer - Vladimir Baykov / Algis Lunskis
Chiwrja, seine Frau - Svetlana Shilova / Vera Baniewicz
Parassja, seine Tochter - Anna Virovlansky / Vardeni Davi
dian
Ein Zigeuner - Andrej Telegin / Boris Belezki
Gritzko, ein junger Bauer - Valeriy Serkin / Aram Mikayelyan
Afanassij Iwanowitsch - Mark Rosenthal / Josef Linnek
Der Gevatter - Martin Tzonev / Sven Bakin
Tschernobog, Oberteufel - Johannes Flögl / Kamen Todorov

Chor des THEATER BONN
Beethoven Orchester Bonn
Tänzerinnen und Tänzer des
Choreographischen Theaters Johann Kresnik



Inhalt der Oper:

Der Bauer Tscherewik hat zwei Probleme im Leben: Das erste ist seine Frau, Stiefmutter seiner schönen Tochter Parassja, und das zweite sein Aberglaube, seine Angst vor dem Teufel.
Bei einem Ausflug zum Jahrmarkt spitzt sich die Lage zu. Glaubt er doch, die Tochter auf die Schnelle gut bei Gritzko, einem ansehnlichen und trinkfesten Bauernburschen unter die Haube gebracht zu haben. Seine Frau macht ihm jedoch einen Strich durch die Rechung. Und zu allem Unglück häufen sich auch noch die Gerüchte um die Anwesenheit vom „blutroten Kittel”, dem Teufel. Dieser war es allerdings nicht, der den Popensohn nach einem Rendezvous mit Tscherewiks Frau in den Dachstuhl gehext hat. Doch wie bei jeder guten Geschichte: Ende gut, alles gut. Und ob es nun wirklich der „blutrote Kittel” oder einfach nur ein paar lustige Zigeuner waren, die Gritzko dann doch die schöne Parassja in die Arme getrieben haben, sei an dieser Stelle nicht verraten. Mussorgskijs letzte Oper ist ein musikalischer Spaß im folkloristischen Kolorit der russischen Spätromantik. Dabei adaptierte er Gogols Erzählung auf ganz eigene Art und Weise: Die Komik entsteht aus der Unangemessenheit zwischen Anspruch und Wirklichkeit und ist dadurch eng mit tragischen Elementen verquickt. Die Uraufführung erlebte der Komponist nicht mehr. Erst zum 30jährigen Todestag von Mussorgskij wurde sie 1911 in St. Petersburg als Fragment konzertant aufgeführt. In der Folge gab es zahlreiche Versuche, die Oper zu komplettieren, wobei sich die Fassung von Wissarion Schebalin und Pawel Lamm aus dem Jahr 1931 als die interessanteste erwiesen hat, was Instrumentation und Ergänzungen betrifft. Diese Fassung wird auch in Bonn gespielt.



Pressespiegel:


Liebe mit teuflischen Hindernissen
General-Anzeiger Bonn vom 1. Mai 2007

Der Brite Tony Palmer ist ein produktiver Mann, hat in den vergangenen vierzig Jahren mit ungebrochenem Fleiß 112 Filme gedreht. Dabei steht die Musik eindeutig im Mittelpunkt seines Interesses.

Er errichtete Eric Claptons Band Cream, Frank Zappa und anderen Heroen des Rock'n'Roll filmische Denkmäler, würdigte aber auch Richard Wagner, Benjamin Britten oder Maria Callas. Und weil die Musik sein Arbeits- und Lebenselixier ist, üben auch die Opernhäuser eine magische Anziehungkraft auf ihn aus.

In Bonn hat Palmer jetzt Modest Mussorgskis unvollendet gebliebenes, letztes Bühnenwerk "Der Jahrmarkt von Sorotschinzy" inszeniert und wurde dafür vom Publikum mit Ovationen überschüttet. Palmer kleckert nicht, er klotzt, zeigt eine bunte, folkloristische Welt, Kleinrussland wie aus dem Bilderbuch, selbst ein echter Esel mit Gespann fehlt hier nicht. Der Regisseur will unterhalten, wobei kein Aufwand ihm zu groß erscheint.

Damit stößt er beim Bühnenbildner Michael Scott, der in der Ära von Gian-Carlo del Monaco bereits mehrfach für die Bonner Oper gearbeitet hat, auf viel Gegenliebe. Aus dem rustikalen Dielenboden der Bühne fährt bei Bedarf eine wohnliche Hütte heraus, vom Himmel schweben Projektionen von Goyas "Saturn verschlingt seine Kinder" und von anderen satanischen Bildern.

Die Kostüme sind mit viel Liebe zum Detail ausgeführt und sitzen so perfekt wie die geflochtenen Haarkränze und Zöpfe der Frauen und Mädchen. Das alles hat gewiss Charme, wirkt aber auch ein bisschen arg naiv. Die Komödie nach einer Erzählung von Nicolai Gogol handelt von dem Bauern Tscherewik, dessen Tochter sich während des Jahrmarkts von Sorotschinzy in den jungen Gritzko verliebt.

Ihre Stiefmutter Chiwrja will diese Verbindung verhindern. Doch mit Hilfe von sehr viel Alkohol und wildem Teufelsspuk wendet sich alles zum Guten und die Oper endet mit einem großen Hochzeitsfest. Mussorgskis "Jahrmarkt", an dem er seit 1874 arbeitete, zeigt auch in der Komplettierung von Wissarion Schebalin und Pavel Lamm echte russische Bodenständigkeit.

Das Werk basiert ganz wesentlich auf Motiven ukrainischer Volksmusik, wobei der Gopak des Hochzeitsfinales sich im Konzertsaal großer Beliebtheit erfreut. Das gleiche gilt für die musikalische Illustrierung von Gritzkos Albtraum, der Mussorgski seine dämonische Tondichtung "Eine Nacht auf dem kahlen Berge" zugrunde legte.

In der Bühnenversion mit großem Chor - zumal wenn er solch stimmliche Präsenz zeigt wie der von Sibylle Wagner einstudierte Bonner Opernchor inklusive Extra- und Kinderchor - macht das Stück noch sehr viel mehr Effekt als in der verbreiteten Orchesterversion von Rimsky-Korsakow. Der "Jahrmarkt" ist Oper ganz nach dem Geschmack des Bonner Generalmusikdirektors Roman Kofman, dessen ukrainischer Heimat mit diesem Werk ein Denkmal gesetzt wurde.

Und irgendwie scheint ihn das für seinen erste Bühnenpremiere der sich bereits zum Ende hin neigenden Saison auch besonders zu inspirieren. Er offenbarte ein gutes Gespür für die typisch russischen Farben der Musik, für die reiche Palette der Gefühle, die Mussorgski in seiner Komödie zum Ausdruck bringt. Orchestraler Höhepunkt war freilich der von Przemyslaw Kubicki etwas zu brav choreographierte Albtraum.

Sehr schön gerieten die in die Bühnenhandlung integrierten Bläsersoli. Gesanglich ist der Abend ein Genuss: Svetlana Shilova singt als Chiwrja die russischen Melodien mit betörend schöner Mezzo-Stimme, die in einem gewissen Kontrast zum Charakter der Bühnenfigur steht. Der russische Bassbariton Vladimir Baykov ist stimmlich ein idealer Gatte und Bariton Martin Tzonev als Gevatter dessen ebenfalls trefflich agierender Begleiter.

Den Grizko sang Valeriy Serkin trotz Erkältung mit schönem Tenor, dem Anna Virovlansky als Parassja mit viel Charme in Stimme und Aktion zur Seite stand. Den Afanassij, die einzige echte Buffopartie der Oper, spielte Mark Rosenthal temperamentvoll aus. Andreij Telegin als Zigeuner und Kamen Todorov als Oberteufel rundeten die Leistung des ausgezeichneten Ensembles ab.
Autor: Bernhard Hartmann


Vollbad in Folklore
Bonner Rundschau vom 1. Mai 2007

Mit Mussorgskijs unvollendeter Oper „Der Jahrmarkt von Sorotschinzy“ gibt es am Opernhaus eine Rarität zu besichtigen. Zu des Komponisten Neigung, Angefangenes nicht zu beenden - von fünf Opern hat er nur „Boris Godunov“ fertiggestellt - kam bei der letzten 1881 der frühe Tod des 42-Jährigen nach jahrelangen Alkoholexzessen.

Bonn spielt nun eine Fassung von Wissarion Schebalin und Pavel Lamm von 1931. Den ersten Applaus verdient sich das lebende Pferdchen, das den Panjewagen auf den Jahrmarkt zog. Dort trifft man sich in Gogols Novelle, nach der Mussorgskij das Libretto schrieb. Tscherewik will sein Pferd verkaufen und hätte Töchterchen Parrasja gern beim jungen Bauern Grizko unter der Haube. Doch seine Gattin Chiwrja durchkreuzt die Rechnung.

Bilder aus dem Landleben. Chiwrja ist die zweite Hauptrolle neben dem Jahrmarkt, auf dem Händlerinnen ihre bunten Bändchen anpreisen, mittels Laufsteg überm Orchestergraben auch den Damen in der ersten Reihe. Man erkennt die Handschrift von Gian-Carlo del Monacos Ausstatter Michael Scott, der eine Folklore-Orgie auf Holzbohlen veranstaltet und dafür Trachtenmuseen geplündert zu haben scheint.

Hubpodeste schieben Tscherewiks Häuschen nach oben. Weitere Hauptrollen sind Alkohol, Sex, Aberglaube, Glockengeläut. Englands Film- und Opernregisseur Tony Palmer hat sie bunt in Szene gesetzt. Wenn die resolute Chiwrja ihren Trunkenbold von Mann voller Verachtung aus dem Haus schafft, dann nur, weil sie den Popensohn Afanassij erwartet, den sie ins Bett haben will.

Svetlana Shilova von der Rimskij-Korssakow-Oper St. Petersburg hat, was sie dafür braucht. Vor allem einen schön timbrierten, fülligen Mezzo. Ihre beiden großen Soloszenen sind Offenbarungen russischen Sopransingens. Chiwjra bekocht ihren Liebsten, der beim Wodka Halt sucht. Aber der Ehemann stört dann ohnehin mit den Zechkumpanen. Und weil der versteckte Liebhaber Lärm macht, glauben alle an den Teufel „mit der roten Jacke“. Bis sich alles in großem Getümmel auflöst. Zuvor hatte aber der Gevatter noch erzählen müssen, was es mit dem Teufel auf sich hat: Eine wunderbare Sache für Martin Tzonevs Bass.

Überhaupt wurde gut gesungen, schon weil man für fast alles slawische Stimmen aufbieten konnte. Vladimir Baykov sang stark den Tscherewik, Anna Virovlansky entzückend die Tochter: Natürlich kriegt sie ihren Grizko, den der neue Tenor Valeriy Serkin gab - wegen Erkältung außer Konkurrenz, aber wohl mit schöner Stimme ausgestattet. Als Afanassij war Mark Rosenthal fabelhaft. Andrej Telegin sang den Zigeuner, Kamen Todorov den Oberteufel. Das Russische besorgte Roman Kofman sehr kompetent. Trotz der Volksmassen (Sibylle Wagners Chor, Extrachor und Kinderchor) behielt er die Übersicht und seine Musiker im Graben und auf der Bühne auf Linie. Er gibt Mussorgskijs Musik Farbe, die ganz nahe an der Volksmusik ist, aber sehr interessant Melodie für Charakter setzt. Probleme macht freilich Grizkos „Traum“ mit Hexen-Sabbat und Satansmesse (Ballett), wofür Mussorkskij Material aus seiner „Nacht auf dem Kahlenberg“ verwendet. Das fiel effektvoll aus, mit Laser in Nacht und Nebel, aber wegen Länge und Genre auch aus dem Rahmen. Der Beifall zeigte sich davon unbeeindruckt.
Autor: H. D. Terschüren


Teufel, Blitz und Donnerschlag
EXPRESS vom 1. Mai 2007

Hat Pützchens Markt jetzt Konkurrenz bekommen? Noch dazu im Opernhaus? Beim "Jahrmarkt von Sorotschinzy" geht es zwar auch bunt, laut und sehr volkstümlich zu. Aber die Musik, die das turbulente Spiel auf der Bühne begleitet, schlägt ganz andere Töne an: russische, tief russische - voller Geheimnis und Melancholie. (...) Das Theater Bonn wagte sich an das selten aufgeführte Werk mit gewaltigem Aufwand. Prächtig kostümierte Menschenmassen, Riesenikonen, Lichtspiele mit Laserstrahl und ein Teufel, der Furcht einflößen kann. (...) Da hat die Liebe zwischen dem jungen Bauern und der reizenden Parassja kaum eine Chance. Diesmal allerdings geht das Märchen - trotz Teufel - gut aus. Und der Jubel am Premierenabend ließ nicht lange auf sich warten. Zur Wiederholung (!) des allgemeinen Freudentaumels gab`s prompt einen Klatschmarsch.
Für die szenische Stimmung sorgten der erfolgreiche, britische Film- und Opernregisseur Tony Palmer und der stets üppige Ausstatter Michael Scott. Auf bengalisch beleuchteten Brettern wird gefeiert, geprügelt und getrunken. Pferd und Wagen, Luftschaukel, Hühner, flammender, duftender Grill, Bierausschank, Kerzen und muntere Tänzer. Aus dem Boden wächst ein enges Stübchen, in dem die böse Bäuerin (Svetlana Shilova) herrscht, bis das Unheil an die Tür klopft.
Dann aber geht`s erst richtig los - mit goldglitzernden Tanzteufeln, singenden Kinder-Skeletten und unheimlichen, schwarzen Gestalten. Roman Kofman hat es bei all dem geräuschvollen Gewusel schwer, dem "russisch" aufspielenden Beethoven Orchester - zumindest bei den leisen Tönen - immer das nötige Gehör zu verschaffen.
Im prächtig aufgelegten Sänger-Ensemble hatte einer besonderen Grund zur Freude: Valery Serkin, der am Morgen plötzlich fast ohne Stimme war, konnte dank ärztlicher Betreuung die Vorstellung retten - und mit seinem fein geführten lyrischen Tenor nicht nur seine zarte Bühnenbraut (Anna Virovlansky) begeistern.
Autor: Klaus Bauer