Raik Knorscheidt - Regisseur - Autor

"Die menschliche Stimme"


Die Premiere fand am 15. Dezember 1999 im Prinzregententheater München/Bayerische Theaterakademie statt.


Die Produktion "Die menschliche Stimme" wurde im Februar 2000 zum Internationalen Theatertreffen der Bayerischen Theaterakademie im Prinzregententheater München eingeladen.


Regie - Raik Knorscheidt
musik. Leitung - Michael Zieman
Bühne - Thomas Bruner
Kostüme - Raik Knorscheidt
Die Frau - Emese Pesti

Das letzte Gespräch zwischen einer Frau und ihrem "Noch-Liebhaber" oder schon verflossenen Liebhaber filmisch-retrospektiv zu erzählen,
ist Grundgedanke der Inszenierung. Am Anfang steht das Resultat des folgenden Gespräches, so dass der Zuschauer eine Distanz fühlt, die ihm einerseits ermöglicht, das Geschehen ohne Erwartungshaltung zu verfolgen, und ihn andererseits in die Position eines zwanghaften Voyeurs versetzt.

Das Gespräch gestaltet sich zur erotischen Entdeckungsreise zu den inneren Mechanismen einer bereitwilligen Opferhaltung. Es geht um Macht und Unterwerfung und darum, dass im Grunde die Frau selbst die Situation bestimmt - einerseits durch ihre Weigerung, die Umklammer- ung der Beziehung zu lösen, und andererseits, weil ihr nicht bewusst ist, dass der Psychologie des Dramas ein verzweifeltes Bedürfnis nach Eskalation zugrunde liegt (wie bei einer Süchtigen), die nur zu Mord oder Tod führen kann. Die von Cocteaus Text vorgegebene Vielschich- tigkeit wird durch Poulencs Musik zu einem klanglich-ätherischen Geflecht verarbeitet, das interessante inszenatorische Ansätze bietet.

Für Verlierer interessiert sich niemand, aber der faszinierend-eklige Kampf am Rande des Abgrundes ist um so zwingender. Ich habe versucht, jede einzelne charakterliche Nuance aufzunehmen, zu analysieren, szenisch zu verstärken und neu nebeneinander zu stellen, um so ein Spektrum zu schaffen, welches die Frau von jeder Seite ihres Charakters zeigt. Sie ist kokett, eifersüchtig, liebenswert, neidisch, hysterisch, großzügig, kindisch, kalt, sensibel, abgeklärt. Für die Frau ist dieses Gespräch von existenzieller Bedeutung. Sie lebt nur durch die Beziehung zu ihrem Geliebten, mir scheint, er hat sie einst in einer ähnlichen Verfassung kennengelernt; allerdings begeht sie den Fehler, diese reine Lustbeziehung falsch auszulegen.

Ein weiterer tragender Faktor im Stück ist die Wahrheit. Für mich stellt sich immer wieder die Frage: Wie ehrlich bin ich, die Frau, zu mir selbst, und wieviel Selbsterkenntnis vertrage ich, bis ich mir eingestehen muss: ich habe versagt oder ich habe keine Hoffnung mehr. Sie lebt seit fünf Jahren mit dieser Lebenslüge und muss sich nach und nach demaskieren. Diese Demontage ihrer Fassade führt sie zu übersteigertem Selbsthass und an den Rand des Wahnsinns. Am Ende steht sie vor der nackten Wahrheit und geht den Schritt der Selbstbefreiung; die tödlichen Konsequenzen hält sie photographisch fest.