Raik Knorscheidt - Regisseur - Autor

"Die tote Stadt"

Oper in 3 Bildern von Erich Wolfgang Korngold.

Die Premiere fand am 19. Januar 2008 am Opernhaus Bonn statt.

Musikalische Leitung - Erich Wächter
Inszenierung - Klaus Weise
Bühne - Martin Kukulies
Kostüme - Fred Fenner

Regiemitarbeit - Raik Knorscheidt / Sinead Kennedy

Choreinstudierung - Sibylle Wagner
Einstudierung des Kinderchors - Ekaterina Klewitz
Choreographie - Karel Vanek
Dramaturgie - Ulrike Schumann

Besetzung:

Paul - Janez Lotric
Marietta / Marie - Morenike Fadayomi
Frank / Fritz - Aris Argiris
Brigitta, Haushälterin - Vera Baniewicz
Juliette, Tänzerin - Vardeni Davidian / Julia Kamenik
Lucienne, Tänzerin - Marianne Freiburg
Victorin, Regisseur - Mark Rosenthal
Graf Albert - Johannes Mertes
Gaston - Karel Vanek

Chor und Kinderchor des THEATER BONN
Beethoven Orchester Bonn

Presse:

Tödliche Träume

General-Anzeiger vom 21. Januar 2008

"Höre, Sie spielen die Sonate vom jungen Korngold. Ist sie dankbar?", wurde der Pianist Artur Schnabel einmal von einem Kollegen gefragt. "Die Sonate nicht. Aber der Vater", bemerkte Schnabel daraufhin.
Die schlagfertige Antwort ist ungerecht und treffend zugleich. Denn der 1897 geborene Erich Wolfgang Korngold hatte in den Jahren vor und während des ersten Weltkriegs bereits etliche Kompositionen abgeliefert, in denen man mit einigem Recht eine Frühbegabung erkennen konnte, wie sie die Welt seit Mozart nicht mehr erlebt hatte - allerdings auch um den Preis eines mindestens so ehrgeizigen Vaters, wie es Leopold war.

Die zweite, mit zwei Oscars gekrönte Karriere als Hollywoodkomponist im kalifornischen Exil hat sein Vater ihm nie verziehen. Überlebt haben aus Korngolds Oeuvre lediglich das späte Violinkonzert und die geniale Oper "Die tote Stadt" des gerade 20-jährigen Komponisten. Das Libretto dazu hatte sein Vater unter dem Pseudonym Paul Schott nach Georges Rodenbachs Roman "Das tote Brügge" verfasst.

Die umjubelte Neuinszenierung des Werks an der Bonner Oper belegt nachdrücklich, dass die rauschhafte, narkotisierende Musik bis heute süchtig machen kann. Erich Wächter am Pult des mit Strauss'scher Üppigkeit besetzten Beethoven Orchesters kocht Korngolds Partitur zu einem dampfenden, süffigen Sud auf, er mischt mit Bravour die Klänge, auf deren Wogen die Stimmen der Sänger ganz wunderbar getragen werden.

Die von der Musik verstärkte morbide Grundstimmung der Geschichte erscheint typisch für das Wien jener Jahre, in denen Sigmund Freud das Menschenbild und die Künste gleichermaßen beeinflusste. Der Witwer Paul ehrt das Andenken an seine Frau an einem Ort in seiner Wohnung, den er "Die Kirche des Gewesenen" nennt. Ein Haarzopf und eine Laute sind neben einem Porträt Maries die wichtigsten Reliquien der seltsamen Heiligenverehrung.

Die Begegnung mit der flatterhaften Tänzerin Marietta, die Marie bis aufs Haar gleicht, scheint ihn zunächst in Lebens zurückzuführen, doch am Ende einer langen Traumsequenz wird er die Doppelgängerin mit dem Zopf Maries erdrosseln. Bonns Generalintendant Klaus Weise wird wohl insbsondere an Freuds "Traumdeutung" gedacht haben, als er die Ideen für sein Konzept sammelte.

Denn anders als etwa Günter Krämer vor einigen Jahren in Köln inszeniert Weise das Drama nicht als düsteren Thriller im Stile von Hitchcocks "Vertigo", der zu Korngolds "Tote Stadt" tatsächlich einige verblüffende Parallelen aufweist, sondern spürt dem Unterbewussten, den verdrängten Trieben mit einer Bildsprache nach, die selbst wie ein monströser Traum wirkt. Die von Martin Kukulies entworfene Bühne arbeitet mit allen erdenklichen Tricks, die Realität auszuhebeln: Filmische Überblendungen modifizieren das Porträt Maries immer wieder.

Ebenfalls als Projektionsfläche fungiert ein riesiges Quadrat, das sich am Ende wie eine Grabplatte über Paul senken wird. Hinter einem halbdurchsichtigen, dunklen Vorhang führt eine Brücke über einen Abgrund, der wiederum durch einen riesigen Spiegel in die sichtbare Welt gehoben wird. Vor allem in der von unzähligen Grablichtern beleuchteten Massenszene des Prozessionszugs im dritten Bild kommt dies eindrucksvoll zur Geltung.

Die neusachlichen, von Oskar Schlemmers Triadischem Ballett beeinflussten geometrischen Formen der Kostüme (Fred Fenner), mit denen Mariettas Theatertruppe ausgestattet ist, bilden da einen hübschen Kontrast. Ein kluger dramaturgischer Kniff ist die Wiederkehr des Anfangstableaus, das so Pauls Traum umrahmt. Doch bisweilen verhalten sich solche Bilder zu statisch zur Dynamik der aufgeheizten Musik.

Selbst Mariettas erotisch provozierender Tanz mit Maries Zopf bleibt letztlich etwas unterkühlt. Den beiden Hauptdarstellern mutet Korngold einiges zu. Der aus Slowenien stammende Tenor Janez Lotric bewältigt die Dauerpräsenz auf der Bühne mit erstaunlichem Durchhaltevermögen, er singt mit Ausdruck und Leidenschaft, nur an den leiseren Stellen wirkt seine Stimme zu gedämpft, wenn er ins Kopfregister wechselt.

Die Sopranistin Morenike Fadayomi bietet ihm ordentlich Paroli, stimmlich wie darstellerisch. Sie verfügt über die nötige Kraft ebenso wie über das Sentiment, mit der Korngold das Duett "Glück, das mir verblieb" überzuckert. Doch bei aller Konzentratioon auf die Hauptfiguren hat der Komponist auch noch dem Schauspieler Fritz eine hübsche Arie zugeteilt ("Mein Sehnen, Mein Wähnen"), die Aris Argiris (der auch den Frank sang) mit geschmeidiger Bartitonstimme zum Besten gab.

Vera Baniewicz (Brigitta), Julia Kamenik (Juliette), Mark Rosenthal (Regisseur), Johannes Mertes (Graf Albert) sowie Karel Vanek als Tänzer (und Choreograph der Tanzszenen) vervollständigten das gute Gesamtbild ebenso wie der von Sibylle Wagner einstudierte Opernchor und der von Ekatzarina Klewitz geleitete Kinderchor. Weitere Termine: 26. Januar, 15., 20. und 23. Februar.
Autor: Bernhard Hartmann




Der Sargdeckel schließt sich 

Kölner Stadanzeiger vom 21. Januar 2008
 
Für die Sängerin ist es eigentlich eine Zumutung, wenn auch eine dankbare: Sie muss in Erich Wolfgang Korngolds Oper „Die tote Stadt“ (die übrigens 1920 in Köln und Hamburg uraufgeführt wurde) nicht nur ständig sehr hoch und gegen ein teils überladenes Orchester ansingen, sondern auch noch zwei gegensätzliche Rollen verkörpern: „die Frau“ in ihrer archetypischen Doppelung als Heilige und Hure, in diesem Fall als verstorbene Marie und höchst lebendige Marietta.
Nun, in der Neuinszenierung des Werkes an der Bonner Oper bewältigt Morenike Fadayomi diese Aufgabe mit selten darstellerischer Intensität und nie ermüdender oder versiegender Stimmkraft und
-schönheit. Ob sie sich, als Marietta, lasziv auf dem Sofa räkelt und ihre Intervallsprünge mit koketter Grandezza platziert, oder ob sie, als Marie, ein dichtes lyrisch-elegisches Legato entfaltet - es gerät alles gleich wundervoll. Eine tadellose Registerverblendung, eine völlig unangestrengte Höhe und ein Vibrato, das kontrolliert als Ausdrucksmittel eingesetzt wird und nicht matt daherleiert - Fadayomi ist in dieser Produktion die ganz große Nummer, ein Stern am Opernhimmel, der am Schluss auch gebührend bejubelt wurde.
Leider läuft sie Gefahr, mit ihrer unmittelbaren Bühnenpräsenz die Kollegen an die Wand zu singen und zu spielen. Das betrifft weniger Vera Baniewicz in der Rolle der Haushälterin Brigitta und auch nicht Aris Argiris in der Doppelrolle von Frank und Fritz - sie halten beide sehr gut mit. Nein es betrifft vor allem Janez Lotric als Paul. Nicht nur, dass dessen Tenor zwar oben schön aufmacht, aber leider im sotto voce der Mittellage einbricht - vielmehr wirkt er gegenüber und im Verein mit der Partnerin blass, steif, statisch, agogisch uninspiriert.
Das ist vor allem deswegen nicht unproblematisch, weil der Regisseur, der Bonner Generalintendant Klaus Weise, die Oper halt stark auf die männliche Hauptfigur hin, als deren Psychotrip, an- und auslegt. Dabei bleibt er durchaus näher am Werk als etwa Günter Krämer, der 1986 in Düsseldorf das Nachleben der „Toten Stadt“ in den thematisch unmittelbar verwandten Hitchcock-Filmen „Rebecca“ und „Vertigo“ reflektierte. Weise gestattet sich freilich einen pessimistischen Schluss: Die bei Korngold offerierte Möglichkeit, mit Frank das tote Brügge zu verlassen, steht Paul in Bonn nicht offen: Er bleibt am Boden liegen, während sich die Decke, die seit dem ersten Akt so beschützend wie bedrohlich über dem durch sie eh stark zusammengepressten Bühnenraum hängt, herabsenkt. Der Sargdeckel schließt sich, no way out.
Friedhofsmäßig, gruftig, nekrophil geht es auf der sparsam ausgestatteten Bühne (Martin Kukulies) von Anfang an zu: Sie wird beherrscht durch ein rechts postiertes überlebensgroßes Porträt der verstorbenen Marie, die auch ansonsten in changierenden Bildprojektionen stets anwesend ist - unentrinnbar für Paul. Der Bühnenhintergrund ist ein schwarzer Vorhang, aber es wird auch nicht hell, wenn man ihn zur Seite zieht.
Das lokale Kolorit ist sparsam, lediglich flüchtige Wasser-Videos und eine angedeutete Brücke beschwören ein Ambiente, das freilich auch an Venedig denken lässt. Spiegeleffekte werfen Raum und Geschehen immer wieder auf sich selbst zurück, der Unterschied zwischen Traum und Realität, der bei Korngold noch vorhanden ist - auf der nächtlich-surrealistischen Bonner Bühne spielt er kaum mehr eine Rolle. Pauls Satz: „Ein Traum hat mir den Traum zerstört“ wird hier ernst genommen, es gibt keine Erlösung zur Realität, die aus diesen Träumen über Träume führen könnte. Und christliche Frömmigkeit, die sich mit einer konduktartigen Prozession zur Geltung bringt, kann es erst recht nicht.
Das alles packt Weise in lapidare, kräftige, unheimliche Bilder, die ihre suggestive Wirkung nicht verfehlen. Die Licht- und die symbolistisch mit Schwarz, Weiß und Rot spielende Farbenregie tun das Ihre, die Eindringlichkeit der Szene zu verstärken.
Während der mäßig beschäftigte Chor (plus Kinderchor) nicht immer ganz erfreulich agiert, entströmt dem Orchestergraben ein satt-sinnlicher, schwül-erotischer, angemessen überreifer Klang. Lediglich die Violinen müssten noch justieren. Aber das Beethoven Orchester unter Erich Wächter trifft den richtigen Korngold-Ton im Dreieck zwischen Strauss, Schreker und Puccini. Da hört man gerne zu.
Autor: Markus Schwering


Späte Flucht aus dem Reich der Toten und Psychosen


Bonner Rundschau vom 21. Januar 2008

Mit seiner 1920 uraufgeführten Oper „Die tote Stadt“ gelang Erich Wolfgang Korngold ein Riesenerfolg, dem in den letzten Jahren eine regelrechte Renaissance folgte. In Köln bebilderte Günter Krämer 1998 den Psychotrip mit Figuren aus Hitchcock-Filmen. In Bonn blieb nun Klaus Weise bei seiner Inszenierung des Thrillers näher am Libretto, das nach dem symbolistischen Roman „Bruges La Morte“ (1892) des Belgiers Georges Rodenbach entstand.
Paul betrachtet Brügge als ein Mausoleum für seine Frau Marie. Martin Kukulies hat dafür ihr lebensgroßes Porträt auf die Bühne gestellt mit der Reliquienvitrine davor - ein blonder Zopf. Das mutet mit mächtigem Holzrahmen an wie ein Tor zur Totenwelt. Weise hält sich daran; alles sind eigentlich Innenräume, die ihm Kukulies auf die Guckkastenbühne baute. Die Außenwelt besteht aus Spiegelung - etwa der Prozession im zweiten Bild.
Vieles ordnet sich einer Kreuzsymbolik unter, auch die roten Opferkerzen. Spiegel sind das Hauptrequisit nicht von ungefähr. Das tote, graue Brügge ist Paul der Ort für die Toten und die Heiligen - so wirft es ihm auch sein Freund Frank vor. So hebt sich zum ersten Akt eine große Platte wie über einer Gruft. Und am Ende senkt sie sich langsam wie in einer der Phantasmagorien von Edgar Allan Poe auf den am Boden liegenden Paul herab. Aber es ist noch nicht das Ende. Man hat nämlich Pauls Traum zugeschaut. Es ist die sehr spezielle, spannende Geschichte, in der er der Tänzerin Marietta begegnet, die Marie so sehr ähnelt, dass sie ihm wie ihre Wiederkehr erscheinen muss. Mehr noch ist sie die Idee des Autors, der Psychoanalyse und Symbolistik ineinanderwebt und auch für den Zuschauer undurchsichtig hält. Das funktioniert gut.
Paul befreit sich aus der Hölle der Psychosen durch eine neue. Er träumt sich Marietta als Ebenbild Maries, um sie - sie ist seine Geliebte geworden und nimmt den Kampf mit der Toten auf - mit Maries Zopf zu erwürgen. Seine Befreiung. Am andern Morgen aber kommt Marietta höchst lebendig zurück; sie hat ihre Blumen vergessen, und Paul verlässt die Stadt mit Frank. Das funktioniert bei Weise plausibel. Aber vor allem auch wegen der perfekten musikalischen Zuarbeit durch Erich Wächter, das Orchester und die tadellosen Protagonisten.
Bei Wächter pulsiert Korngolds Musik nervös, farbig. Es gibt kaum Ohrwürmer, mit Ausnahm des Duetts „Glück, das mir verblieb“ am Anfang. Vieles am von Richard Strauss geprägten Tonsatz lässt erkennen, was Korngold nach der Emigration 1938 in Hollywood Karriere machen ließ. Wenn Janez Lotric (Paul) nach einer strapaziös hoch liegenden Heldentenorpartie die Anfangsstimmung mit intaktem Tenorschmelz wiederfindet, dann ist das eine wundervolle Kitschecke.
Ganz groß gefeiert haben die Bonner vornehmlich Morenike Fadayomi als Marietta / Marie für ihre schöne, große, agile Stimme und ihr hoch engagiertes Spiel. „Die tote Stadt“ steht und fällt mit der Besetzung dieser Rollen. Gleich danach aber sollten der sehr gute Mezzo von Vera Baniewicz und vielgelobte Bariton Aris Agiris (Frank) genannt werden nebst der übrigen Ensembleleistung.
Autor: H. D. Terschüren


Schwelgerische Klänge im süßen Rausch der Phantasie

Der Opernfreund vom 21. Januar 2008

Erich Wolfgang Korngolds Meisterwerk DIE TOTE STADT gehört für mich zu den schönsten Opern, die je komponiert wurden. Nach dem Sensationserfolg der Uraufführung 1920 befand sich die Oper in den folgenden Jahren im Repertoire von über 80 Opernhäusern. Das Werk zeigt den jungen Korngold bei den kühnsten Höhenflügen seiner Erfindungskraft. Korngold beweist sich als wahrer Klangmagier. Das Orchester leuchtet wie ein Feuerwerk in allen Schattierungen und Farben; es erhebt sich mit der Grandezza goldstrahlender Pracht aus der morbiden Grundstimmung des Stücks, um dann wieder in eine teils säkulare Traumhaftigkeit zurückzufallen. Und immer wieder dieses pure Baden in puccinihaften Klängen, allgegenwärtig durchsetzt mit Applikationen und Ornamenten, die an Mahler, Wagner und Strauss erinnern und dies zu einem einzigartigen Oeuvre zusammenfügen. Und wenn man in diese Oper einmal gründlich reingehört hat, kann durchaus Korngolds Sohn George zugestimmt werden, der die Musik seines Vaters einmal „moderner als Mahler und Strauss“ titulierte.

Wer die wunderbare, wirklich bis ins kleinste Detail absolut ausgefeilte, musikalische Interpretation Erich Wächters mit dem grandios aufspielenden Beethoven Orchester Bonn gestern bei der Premiere zur TOTEN STADT erlebt hat, muß dem unbedingt zustimmen. Ich habe dieses Orchester in den letzten Jahren selten so perfekt und klangschön, so feinsinnig und betörend wahrgenommen. Dirigent Erich Wächter muß sich diesen Korngold zur Herzensangelegenheit gemacht haben, denn die Musiker reüssierten brillant in den enormen spieltechnischen Schwierigkeiten der Riesen-Partitur. Was war das für ein Schwelgen im großen Orchestersatz! Daneben das geradezu expressive Ausspielen aller Dramatik und Schärfe; traumverlorene Perfektion in Lyrik und Extasse und dennoch genügend Transparenz, um auch die Harfenläufe jederzeit noch hörbar werden zu lassen. Traumhafter Orchesterklang!

Hier konnte das Orchester selbst meiner persönlichen Referenzaufnahme (gibt´s mittlerweile von WALHALL für ein paar Euro) unter Fritz Lehmann & dem Orchester des Bayrischen Rundfunks von 1952 Paroli bieten - übrigens hat nie mehr jemand das „Glück, das mir verblieb“ schöner gesungen als Karl Friedrich ebd. Stereoverwöhnten Ohren kann auch das Leinsdorf-Album von 1975 empfohlen werden – nebenbei noch René Kollos vielleicht wirklich einziger ganz große Rollenerfolg im schweren Fach neben den frühen Lohengrins. Die Sunnegardh-Geschichte mit Segerstam, Stockholm 1996, ist nur bedingt empfehlenswert. Über die Salzburger DVD mit Denoke & Kerl in den nächsten Tagen eine DVD-Kritik an gleicher Stelle.

Kleiner Schwenk zurück zu Korngold: Der 1897 in Brünn geborenen Erich Wolfgang Korngold, galt schon früh als Wunderkind und entwickelte sich unter dem Protektorat Mahlers und Zemlinskys zu einem der erfolgreichsten Komponisten seiner Zeit. Leider nur 5 Opern zieren das Werkverzeichnis: Violanta / Der Ring des Polykrates (1916), Die tote Stadt (1920), Das Wunder der Heliane (1927 und Die Kathrin (1937). Korngold emigrierte 1934 nach Hollywood, wo er eine zweite Kariere mit dem Schreiben von Filmmusik begann. Der Anschluß Österreichs an das dritte Reich und Hitlers „Entartete-Musik“-Kampagne verhinderte seine Rückkehr nach Wien. Allein 18 erfolgreiche Filmmusiken schuf er bis 1947; sowohl für „Anthony Adverse“ (1937), als auch für „The Adventures of Robin Hood“ (1938) erhielt er einen Oscar. Er verhalf der amerikanischen Filmmusik zu neuen großsinfonischen Dimensionen und einem bisher unbekannten Qualitätsniveau.
Nach dem Krieg gab es leider kein Come Back; Korngolds Kariere als Hollywoodfilm-Komponist schadete ihm bei seiner Rückkehr ins alte Europa doch sehr. Von den Deutschen als „entartet“ gebrandmarkt, von den konservativen Wiener Kreisen mit Schönberg assoziiert war die Nachfrage gleich Null; darüberhinaus hatte sich das musikalische Klima grundlegend gewandelt. Korngolds spätromantische Harmonie und Melodie waren der Avantgarde verdächtig. Man hatte sich vom Schönklang in der Musik gerade verabschiedet. 1955 wagte man sich in München noch einmal an die TOTE STADT. Trotz Publikumsbegeisterung verschwand aber die grandiose Oper aufgrund mieser Kritiken bald vom Spielplan. Korngold starb zwei Jahre später 1957 im Alter von 60 Jahren.
1983 läutete Götz Friedrich mit seiner bahnbrechenden Inszenierung an der DO Berlin dankenswerter Weise eine Korngold-Renaissance ein. So langsam wurde das Werk wieder in den Spielplänen heimisch; man scheiterte aber in den meisten Produktionen, die ich in den letzten Jahrzehnten gesehen habe, primär am gigantischen Sängeranspruch an die Hauptrollen, denn diese erfordern stimmliche Schwerstarbeit im Wagnerformat. Leider sind die Lehmanns, Jeritzas und Taubers heuer rar gesät. Und selbst die ganz großen Häuser produzieren oft nur Mangelhaftes.

Daß man nun in Bonn (einem mittleren Haus!) eine praktisch schallplattenreife Besetzung aufbieten konnte, grenzt an ein Wunder. Gaststar Janez Lotric (Paul) stemmte die Partie mit unglaublich ehrlichem Einsatz und Verve, ging keiner noch so großen Schwierigkeit aus dem Weg und fand nicht nur im Finale zur nötigen Lyrik. Eine respektable Riesenleistung, die vom Publikum auch zurecht bravierend gewürdigt wurde. Daß Morenike Fadayomi (Marietta/Marie) den Riesensprung ins schwere Fach geschafft hat, bewies sie mit einer ungeheuerlichen Sanges-Leistung. Ist ihre Höhenlage noch etwas diffizil, so entfaltet sich die Stimme doch wunderbar in den großen Bögen der mittleren und tiefen Lage und im Piano. Die darstellerische Gestaltung ist überragend; Riesenjubel beim Publikum. Und als dritter im Bunde muß Aris Argiris (Frank) benannt werden - Erinnerungen an Benno Kusche, der vor mehr als einem halben Jahrhundert diese Partie auch so kultiviert gesungen hat, werden wach. Ein Sänger mit großer Zukunft. Chor (Sibylle Wagner) und Kinderchor (Ekaterina Klewitz) waren bestens ein- und diszipliniert aufgestellt. Alle brachten sich in die Gesamtkonzeption perfekt ein.

Im Unterschied zum Roman von G. Rodenbach, wo Paul Marietta tatsächlich erdrosselt, ist alles in Korngolds Oper nur ein Tag-Traum mit scheinbarem Happy-End. Was allerdings die meisten Regisseure nicht davon abhält, Paul dennoch von eigener Hand sterben zu lassen. Wer genau in die Musik reinhört, könnte das aus der finalen Harmonik durchaus schließen.

Der Bonner Regisseur und Hausherr Klaus Weise löst das Problem auf eigene Art und Weise. Ohne zuviel zu verraten (das wäre unredlich und würde ein großes Spannungsmoment dieser fabelhaften Inszenierung für kommende Besucher zerstören), kann man aber seinem gefundenen brillanten Schluß, der sich gänzlich im Sinne der Musik und des Textes bewegt, durchaus zustimmen. Ein bewegt bewegendes Ende der Oper.
Insgesamt eine Inszenierung, die weder durch Verfremdungen, Modernisierungen oder Mätzchen ablenkt, sondern stringent sich dem Kunstwerk unterordnet. Kein düster muffiges Milieu; im Gegenteil, eine weit offene Bühne mit Tiefe, die den Wechsel von Realität und Traum, Vision und Spiel geschickt durch Projektionsflächen begrenzt und begleitet. Perfektes Musiktheater auf allerhöchstem Niveau, Weises bisher beste und überzeugendste Opern-Inszenierung. Martin Kukulies (Bühne) hat ein mehr als raffiniertes Bühnenambiente geschaffen, welches eben jenen „Traum der Phantasie“ nicht nur Visionär in Projektionen, sondern auch realiter in geheimnisvoll verschachteltem Bühnenräumen Raum, sowie Bild und Gestalt gibt.
Die Kostüme von Fred Fenner sind perfekt der jeweiligen Situationen und Stimmung angepaßt. Kongenial gewählte Verwandlungen zeichnen satiniertes Brokat der Stummfilmära bis hin zur Halekin/Pierot Stilisierung filmischer Reminiszenzen die an Barrault Filmklassiker „Kinder des Olymp“ erinnern. Frappierend stellenweise die Choristen, wenn sich in der Prozessionsszene ihre Gesichter förmlich zu Fratzen hinter schablonenhaft bekreuzigten Lichtmasken verzerren. Im Wechsel von Marie zu Marietta, von der ehemals Geliebten zur Publikumstänzerin und zurück spiegelt auch in den Kostümen eine Art Ying-Yang-Prinzip, jenen Wechsel von der Vergötterten zur Hure. Hier wäre ein Kostüm-Oscar fällig. Bravo!
Karel Vaneks Bewegungschoreografie und die stimmungsvolle Lichtregie von Thomas Roscher in Verbindung mit sensiblen Videoinstallationen von Jan Thiel und Andree Verleger zaubern einen Rahmen, der so modern, wie zeitlos und so beeindruckend, wie überzeugend werktreu daherkommt. Seit Götz Friedrich die mit Abstand beste, einfühlsamste und gelungenste TOTE-STADT-Inszenierung der letzten 30 Jahre. „Bravo!“

Eine brillante Operninszenierung, ein komplexes Gesamtkunstwerk, das mit soviel Herzblut und Engagement, Einsatz und Phantasie, sowie grandioser und werktragender musikalischer Qualität daherkommt, sollte nicht nur Korngold-Fans europaweit anziehen, sondern wird hoffentlich auch das lokale Publikum überzeugen. In kurzen Worten: Diese Produktion hat Weltklasseformat. Das gab es schon lange nicht mehr in Bonn!
Autor: Peter Bilsing